Brigittenau

20., Forsthausgasse – Brigittakapelle, Ansichtskarte, 1905-1909, Wien Museum

Die Brigittenau ist der 20. Wiener Gemeindebezirk. Sie entstand zu einem großen Teil auf durch die Wiener Donauregulierung 1868–1875 gewonnenem Neuland, worauf die Namen der wichtigsten Durchzugsstraßen, größtenteils nach Mitgliedern der Donauregulierungskommission benannt, zurückzuführen sind. Sie verfügt über kein markantes historisches Zentrum und war seit 1850 Teil des 2. Wiener Gemeindebezirks, der Leopoldstadt, bis sie im Jahr 1900 davon abgetrennt wurde.

Das älteste Gebäude als Namensgeberin der Brigittenau

Im Dreißigjährigen Krieg wurde Wien im Jahr 1645 von den Schweden unter Graf Lennart Torstenson belagert. Einer Legende nach schlug in das Zelt von Erzherzog Leopold Wilhelm während seines Morgengebetes eine Kugel ein, ohne Schaden anzurichten. Zum Dank wurde im Jahr 1651 eine Kapelle in Form eines Zeltes errichtet und der katholischen Heiligen Brigitta gewidmet.

Nach dem Bau der Brigittakapelle wurden die frühere Wolfsau, die Schottenau (eine Au gleichen Namens gab es im Besitz des Schottenstiftes auch im heutigen 9. Bezirk) und die Taborau schließlich „Brigittenau“ genannt. Diesen Namen erhielt dann am 24.3.1900 auch der neue Bezirk, zu dem außerdem ein Teil des früheren Dorfes Zwischenbrücken gehört.

20., Forsthausgasse - Brigittakapelle, Ansichtskarte, 1905-1909, Wien Museum

1900 wird die Brigittenau ein eigener Bezirk

Die Brigittenau war seit 1850 ein Teil der Leopoldstadt und somit an die Beschlüsse und Ausführungen ebendieser gebunden. Bereits 1871 wurde die erste Petition an den Wiener Gemeinderat überreicht, um eine Abtrennung der Brigittenau von der Leopoldstadt zu bewirken.

Lorenz Müller, Bürger und Bäckermeister in der Brigittenau lud 1898 den damaligen Bürgermeister Karl Lueger zu einer Aussprache ins Gasthaus Ockermüller in der Gerhardusgasse 40 ein. Lueger zeigte sich kooperativ und versprach, sich für die Trennung einzusetzen. Vis-a-vis befindet sich heute ein Gedenkstein.

Die Donau als prägendes Gewässer

Im Hochmittelalter war das Hauptgerinne der Donau der heutige Donaukanal. Da die Donau viel Sand und Geröll mit sich führte, sich jedoch die Strömungsgeschwindigkeit wegen des geringeren Gefälles im Wiener Becken stark verringert, kam es zu beträchtlichen Ablagerungen des Geschiebes im Wiener Raum. Dies führte nicht nur zu Versandungen, sondern auch zur weiteren Verlagerung ins Marchfeld.

Eine stete Verschiebung des ursprünglichen Hauptgerinnes (heutiger Donaukanal) nach Niederösterreich wurde erst durch die Donauregulierung unterbunden. Die Donau war immer wieder aus den Ufern getreten, was zu Katastrophen in den tiefgelegenen Vorstädten (Roßau, Leopoldstadt, Weißgerber und andere), vor allem aber auch an den links der Donau gelegenen Orten führte (heute 21. und 22. Wiener Gemeindebezirk).

Geschichte der Donauregulierung

Die Donauregulierung erfolgte nach langen Diskussionen im Gemeinderat und nach Schaffung einer Donauregulierungskommission 1870-1875 unter dem Eindruck der beiden verheerenden Hochwasser von 1830 (Eisstoß) und 1862 (Tauflut). Sie hatte städtebauliche Folgen: deutliche Trennung des 2. und 20. Bezirks vom 21. Bezirk durch Strom und Überschwemmungsgebiet, Abwertung der unmittelbar südlich der regulierten Donau liegenden Gebiete durch die Dominanz von Industrie-, Hafen- und Lagerbauten (verstärkt durch die Bahnanlagen der Nord- und Nordwestbahn, die diese Gebiete noch weiter isolierten), Ausdehnung des verbauten Gebiets jenseits der Donau in Richtung Marchfeld ohne engere Bindung an die Stadt und den Strom. Sie schuf jedoch infolge der Erhaltung der Altarme der Donau ein neues Erholungsgebiet (Alte Donau, Gänsehäufel).

Obwohl es auch nach der Donauregulierung in den Jahren 1897 und 1899 kleineren Überschwemmungen kam, führte dies zu keinen weiteren Gegenmaßnahmen. Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Überflutungen häuften (1954, 1956, 1959), beschäftigte sich der Gemeinderat in den 1960er-Jahren intensiv mit der Frage des Hochwasserschutzes und beschloss am 12. September 1969 eine grundlegende Umgestaltung des Donaubereichs (Zweite Donauregulierung). Im Überschwemmungsgebiet wurde ein zweites Donaubett (Entlastungsgerinne, „Neue Donau“) gegraben (Baubeginn 1. März 1972), zwischen den beiden Gerinnen entstand eine rund zwanzig Kilometer lange und durchschnittlich 400 Meter breite Insel, die Donauinsel, mit allen Möglichkeiten für ein Naherholungsgebiet.

Mehr Informationen zur Geschichte der Donauregulierung: Wien Geschichte Wiki 

Brigittenau – Standort für Handel, Gewerbe und Industrie

Durch die Rodungen ab 1846 und die Donauregulierung 1870 bis 1875 wandelte sich das Gebiet der heutigen Brigittenau stetig: Auf den gewonnenen Baugründen entstanden erste Fabriksgebäude und Küchengärten für den kaiserlichen Hof.

Auch die Metall- und Schwerindustrie ließ nicht lange auf sich warten. Ein Arbeiter:innenbezirk mit sehr niedrigem Wohnstandard und sozialem Elend war entstanden. Mit den Fabriken kamen die Arbeiter:innen und Zuwanderer:innen. Daraus entstand auch große Armut und Wohnungsnot.