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Veranstaltungen

Bezirk
04. Wieden
Monat
Mai
Jahr
2026
Kategorie
Vortrag

27. Mai 2026   18:30 Uhr

PHIHIHU. Roman Friedrichs II. gegen den Katholizismus

Dott. mag. Dr. Giuseppe MOTTA, Privatdozent (Wien), erzählt über "Phihihu", Friedrichs II. ("der Große", 1712 - 1786) chinesische Satire des Katholizismus im Kontext des Siebenjährigen Krieges (1756 - 1763)
Veranstaltung: Friedrich II. mit Bruststern zum Schwarzen Adlerorden, Gemälde von Anton Graff, 1781, Bezirksmuseum Wieden 2026, Foto: Wikimedia Commons

Anton Graff, Friedrich II. mit Bruststern zum Schwarzen Adlerorden, 1781, Foto: Wikimedia Commons

Eine Veranstaltung der Österreichischen Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte

Aufgrund der begrenzten Platzkapazitäten im BM Wieden wird eine Anmeldung unter bm1040@bezirksmuseum.at empfohlen.

Im Winter 1760, in einer der kritischsten Phasen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763), der Preußen und England einer Koalition aus Österreich, Frankreich, Russland, Schweden und Sachsen gegenüberstellte, fand Friedrich II. von Preußen während eines Winterquartiers seiner Armee in Freiberg bei Dresden die Zeit und Energie, ein kurzes literarisches Werk zu verfassen: einen Briefroman in sechs Briefen, die „Relation de Phihihu, émissaire de l’Empereur de la Chine en Europe“.

Der Text entstand in einer Situation äußerster politischer und militärischer Spannung, kurz nach den schweren preußischen Niederlagen von Kunersdorf (am 12. August 1759) und Maxen (am 20. November 1759) gegen die österreichischen Feldmarschälle Gideon Ernst von Laudon bzw. Leopold Joseph von Daun. Er ist vor dem Hintergrund eines ideologisch aufgeladenen Krieges zu lesen, den Friedrich II. auch als Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche und dem Haus Habsburg verstand. Papst Clemens XIII. (Carlo Rezzonico) unterstützte offen die Gegner Preußens, was Friedrich als religiöse Legitimierung eines „heiligen Krieges“ gegen einen nichtkatholischen Staat wahrnahm.

In dem Briefroman berichtet der fiktive chinesische Gesandte Phihihu seinem Kaiser von einer Reise nach Rom, die er von Konstantinopel aus in Begleitung eines Jesuiten namens Bertau unternommen hat, um die „Hauptstadt Europas“ kennenzulernen und insbesondere den dort residierenden „großen Lama, König aller Priester“ zu beobachten. Durch die Begegnung mit einem geselligen Portugiesen – einem Juden, der der Inquisition durch eine Scheinbekehrung entkommen ist und nun selbst als Inquisitor wirkt – erfährt Phihihu eine Reihe erschütternder Wahrheiten über die römische Kurie und über die katholische Religion insgesamt,
deren politisches und moralisches Sprachrohr der Papst ist. Besonders eindrücklich ist die Schilderung einer Zeremonie im Petersdom, bei der der „große Lama“ wohlwollend die Attentäter des portugiesischen Königs empfängt und den „Hut“ und das „Schwert“ segnet, mit denen der österreichische Feldmarschall Daun die „ungläubigen“ Preußen besiegen sollte. Die Satire richtet sich damit nicht nur gegen kirchliche Dogmen, sondern gegen die enge Verbindung von Religion, politischer Macht und Gewalt.

Friedrichs literarischer Angriff bedient sich – ganz im Geist der Aufklärung – des Staunens und der Verwunderung eines Fremden aus einem fernen, exotischen Land, um die Absonderlichkeiten, Widersprüche und Lügen der europäischen Herrschenden bloßzustellen. Phihihus Urteil über das, was er in Rom sieht und hört, ist eindeutig: „Es gibt kein Verbrechen, das nicht von Mitren und Tiaren gedeckt worden wäre.“ Und weiter: „Es gibt keine Absurdität, die nicht durch den Kopf dieser Konzilsväter gegangen wäre.“

Der Vortrag zeigt, dass Friedrichs Relation de Phihihu weit mehr ist als ein polemisches Kriegspamphlet. Der Text steht in engem Dialog mit der zeitgenössischen Aufklärung, insbesondere mit Voltaire, und nutzt die literarische Form des Briefromans, um politische Kritik, Religionssatire und philosophische Reflexion miteinander zu verbinden. Gerade in der Verbindung von historischer Situation, literarischer Strategie und aufklärerischer Ideologiekritik liegt die besondere Bedeutung dieses wenig bekannten Werkes.