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GEMEINDEBAUTEN IN WIEN
Hans W. Bousska


Im 19. Jahrhundert nahm die Einwohnerzahl der Reichs- und Residenzhauptstadt Wien auf Grund der industriellen Revolution explosionsartig zu. Innerhalb von nicht einmal 80 Jahren, zwischen 1840 und 1918, schnellte die Einwohnerzahl der Stadt von rund 440.000 auf mehr als zwei Millionen hinauf. Zuwanderer kamen hauptsächlich aus den Kronländern der Donaumonarchie. In dieser Zeit entstanden die „Bassena-Wohnungen“ – Zimmer-Küche-Quartiere mit Wasser und Toilette am Gang, in unwirtlichen „Zinskasernen“. Für winzige Wohnungen wurden weit überhöhte Mieten verlangt – und bezahlt. Im Durchschnitt musste ein Wiener Arbeiterhaushalt ein Drittel seines Einkommens für die Miete ausgeben. Um sich eine Wohnung leisten zu können, mussten viele Wohnungsmieter Untermieter oder auch „Bettgeher“ aufnehmen.

Nach dem Sturz der Monarchie am 3. November 1918 konnten am 4. Mai 1919 erstmals Gemeinderatswahlen nach einem allgemeinen gleichen Wahlrecht durchgeführten werden. Die Sozialdemokraten errangen trotz geringer Wahlbeteiligung die Mehrheit und erhielten 100 von den 165 Mandaten.

Am 22. Mai 1919 wurde Jakob Reumann (1853–1925) als erster Sozialdemokrat zum Bürgermeister von Wien gewählt.

Nun konnte an die Durchsetzung eines kommunalpolitischen Programms gedacht werden.

Erschwerend wirkte sich jedoch aus, dass die Folgen des Krieges überwunden werden mussten und die Gemeindekasse leer war.

Robert Danneberg stellte bei der Wiener Konferenz am 29. Oktober 1921 ein Wohnbaukonzept vor, zu dessen Finanzierung Finanzstadtrat Hugo Breitner eine progressive Wohnbausteuer vorschlug, die am 1. Februar 1923 eingeführt wurde. Die katastrophale wirtschaftliche Lage in Verbindung mit dem Mieterschutz bewirkte, dass die Wohnungsnot nur durch öffentliche Bautätigkeit behoben werden konnte.

Die Stadtverwaltung wollte das Wohnungsproblem jedoch einer sofort wirksamen, großzügigen Lösung zuführen. Dabei musste den zahlreichen und örtlich verschiedenen Bedürfnissen sowie den beschränkten Mitteln Rechnung getragen werden. Daher plante man große für sich abgeschlossene Wohnhausblöcke an besonders günstig gelegenen Punkten der Stadt.

Auf der finanziellen Basis der neuen Wohnbausteuer beschloss der Gemeinderat das erste „Wiener Wohnbauprogramm“. Es sah die Errichtung von 25.000 Wohnungen innerhalb von fünf Jahren vor. Schon 1926 wurde der Grundstein zur 25.000. Wohnung gelegt. Daher wurde noch im selben Jahr ein „Zwischenprogramm“ und schließlich 1927 ein zweites Wohnbauprogramm „angehängt“. Insgesamt wurden in den Jahren von 1919 bis 1934 von der Gemeinde Wien 63.736 Wohnungen für 220.000 Menschen erbaut.

Neben dem allerersten Ziel, durch den kommunalen Wohnbau ausreichend neuen Wohnraum zu schaffen, zielte das Programm auch auf eine neue „Wohnkultur“ ab. Bei den alten gründerzeitlichen Miethäusern waren die Bauparzellen aus Profitgründen bis zu 85 Prozent verbaut worden, wodurch sich finstere Wohnungen rund um enge Lichthöfe ergaben. Die Bebauungsdichte bei den neuen Gemeindebauten lag jetzt bei höchstens 60 Prozent.

Die Wohnungen hatten alle direkten Zugang vom Stiegenhaus, Wasser und WC in der Wohnung, sowie Gas- und Stromanschluss. Jede Wohnung sollte aus mindestens zwei bewohnbaren Räumen bestehen. Alle Wohnräume, auch die Küchen, erhielten direktes Tageslicht, die „Gangküche“ gehörte der Vergangenheit an. Als Kochstelle diente ein moderner Gasherd.

Das Wohnbauprogramm der Gemeinde Wien war Teil einer umfassenden Sozialpolitik. Dazu gehörten die Kinder- und Jugendfürsorge, die Gesundheitfürsorge in Richtung Vorsorgemedizin, Schulpolitik mit Änderung des Schulsystems durch Otto Glöckel, Kultur- und Erziehungspolitik mit Ausbau von Büchereien und Kulturvereinen. Als neuartige Besonderheit mussten bis dahin unübliche Gemeinschaftseinrichtungen eingeplant werden. Zentralwaschküchen, Badeanlagen, Turn- und Gymnastikräume, Kindergärten, Horte und Büchereien, Vortragssäle, Mieter- und Mütterberatungsstellen, Ärztepraxen, Zahnkliniken, Tuberkulosestellen, Apotheken, Ateliers, Werkstätten und verschiedene Geschäftslokale fanden sich innerhalb der Anlagen. Zum Teil waren in einigen Großwohnanlagen Planschbecken für die Kinder eingeplant.

Zwischen 1919 und 1934 beauftragte das Stadtbauamt der Gemeinde Wien über 190 in Wien tätige Architekten mit der Planung für 379 kommunale Wohnprojekte. Unter ihnen befanden sich auch viele Schüler Otto Wagners.

Nach dem Februar 1934 musste der kommunale Wohnbau praktisch eingestellt werden, da Wien im autoritären Ständestaat seinen Status als eigenes Bundesland wieder verlor, Nennenswerten kommunalen Wohnbau gab es weder unter Engelbert Dollfuß noch unter seinem Nachfolger Kurt Schuschnigg.

Waren es 1930 noch 6.862 fertiggestellte städtische Wohnungen, sank die Zahl im Jahr 1934 auf 2.157, 1935 auf 58 und 1937 auf 25.

Auch die Verwaltung der städtischen Wohnhausanlagen zeigt diese Entwicklung: 1926 verwaltete die Gemeinde Wien 32.887 Wohnungen, 1928 stieg die Zahl auf 44.854. 1934 waren es bereits 69.001 Wohnungen. Im Jahr 1935 kamen nur 1.044 Wohnungen hinzu. Die Gesamtzahl betrug daher 70.045 Wohnungen für etwa 300.000 Menschen. In den nächsten drei Jahren stieg die Anzahl lediglich um 2.313 auf 72.358 Wohnungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten zunächst die Kriegsschäden beseitigt werden. Bereits 1947 nahm die Gemeinde Wien mit dem Bau der Per-Albin Siedlung ihre Wohnbautätigkeit wieder auf.

1951 wird die 100.000 Wohnung seit 1923 fertiggestellt, 1956 die 50.000ste und 1969 die 100.000ste seit dem Ende des Krieges.

Da in 1960er und 1970er-Jahren der Wohnungsbedarf nachließ, außerdem die Problematik der überdimensionalen Anlagen erkannt wurde, verlagerte sich der kommunale Wohnbau auf Baulückenschließung und Stadterneuerungprogramme.

Ab 1984 wurden im Durchschnitt pro Jahr 10.000 Wohnungen saniert, wobei die Möglichkeit der Zusammenlegung der Duplex-Wohnungen teilweise umgesetzt wurde.

Heute lebt etwa jeder vierte Wiener in einem Gemeindebau. Die Stadt Wien besitzt rund 220.000 Gemeindewohnungen und ist somit die mit Abstand größte Hausverwaltung Europas.

 

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