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„Ich bin also nun ein anderer“

Die jüdische Bevölkerung der Wieden 1938 - 1945

Mittwoch, 12. September 2018, 18.30 Uhr: Eröffnung durch BezVorst. Leopold Plasch

Dauer der Ausstellung: bis 15. November 2018

Ein HistorikerInnenteam rund um Dr. Florian Wenninger und Mag.aJutta Fuchshuber hat mit finanzieller Unterstützung der Bezirksvorstehung Wieden seit 2013 die Vertreibung und Ausrottung der großen jüdischen Gemeinde auf der Wieden erforscht. Die jüdische Gemeinde der Wieden umfasste 1938 etwas mehr als 5.000 Personen, circa 10% der Wiedener Bevölkerung, was dem Wiener Durchschnitt entsprach. Zusätzlich zu den Opfern benennt die Ausstellung auch TäterInnen und ZuseherInnen. Hervorgehoben werden jene wenigen Menschen, die ihren jüdischen MitbürgerInnen Hilfe, Zuflucht und Rettung boten.

 

Die Ausstellung zeigt eine knappe, informative Zusammenfassung der Ergebnisse des Forschungsprojektes. Weit umfassendere Informationen und Details bietet eine Broschüre, die unter post@bv04.wien.gv.at bestellt werden kann und die im Bezirksmuseum zur freien Entnahme aufliegt. Die Forschungsarbeit ist auch unter www.juedischewieden.at abrufbar.

 

Die damalige jüdische Bevölkerung war gut integriert und mehrheitlich gutbürgerlich. Synagoge gab es auf der Wieden keine, sondern es wurden die Synagogen im 5. und 10. Bezirk genutzt. Außerdem gab es ein lebendiges jüdisches Leben in zehn Vereinen. Die ForscherInnen konnten ca. 50% der jüdischen Bevölkerung namentlich identifizieren.

 

Die Wieden war eine Hochburg der NSDAP. Die Technische Universität galt als „braune“ Bastion, der Fanatismus antisemitischer Studenten führte bereits in den 1920er Jahren zu regelmäßigen Misshandlungen jüdischer Studierender. 1932 erreichte die NSDAP auf der Wieden das beste Wahlergebnis von Wien (31%). Die für ganz Wien zuständige „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ befand sich im Palais Rothschild in der Prinz-Eugen-Straße, dort, wo heute die Arbeiterkammer steht. 

 

Sofort nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich wurden jüdische BürgerInnen verhöhnt und erniedrigt durch die sogenannten „Reibpartien“. In den Jahren 1938 bis 1940 bereicherten sich Teile der Wiedener Bevölkerung durch Vertreibungen jüdischer BewohnerInnen und durch wilde Arisierungen, die zwar nicht von der Regierung offiziell angeordnet waren, aber von der Polizei stillschweigend geduldet wurden. Im Zuge der bald offiziell organisierten und durchgeführten „Judenfreimachung“ wurden die meisten BewohnerInnen des vierten Bezirkes in Sammelwohnungen (z.B. in der Mühlgasse 11) „umgesiedelt“ und fast immer anschließend deportiert und ermordet.

 

Bruno Kreisky ist wohl der prominenteste Wiedener. Ihm gelang die Auswanderung. Von mehr als 600 verfolgten WiedenerInnen konnte die Fluchtroute rekonstruiert werden, zum Beispiel von Otto Tausig, Gerhard Bronner, Familie Rennert und vielen anderen mehr.

 

Eine christliche Kämpferin gegen den Nationalsozialismus war die auf der Wieden wohnende und heute mit einem Denkmal vor der Paulanerkirche geehrte Irene Harand (1900 – 1975). Bereits 1935 erschien ihr Buch „Sein Kampf. Antwort an Hitler“, das sie auf eigene Kosten herausgab und in dem sie antisemitische Stereotype widerlegte. Irene Harand war Mitbegründerin der „Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot“, die unter dem Namen „Harand-Bewegung“ bekannt wurde. Sie verhalf nach ihrer Flucht in die USA österreichischen Juden zu Visa für die USA, wodurch mehr als 100 Menschen vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen konnten. 1967 wurde sie als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

 

Nur wenige jüdische MitbürgerInnen konnten durch aktive Unterstützung von Mitmenschen als U-Boote überleben. Einer der Helfer war Karl Motesiczky (1904 – 1943). Sein Gut war Treffpunkt von Antifaschisten und Juden, er unterstützte Verfolgte finanziell und verhalf Juden zur Flucht in unbesetzte Gebiete. Nachdem er von einem Bekannten denunziert worden war, wurde Motesiczky im Oktober 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er 1943 an Flecktyphus starb. Motesiczky wurde 1980 als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

 

Die Schauspielerin Dorothea Neff (1903 – 1986) versteckte von 1941 bis 1945 ihre von Deportation bedrohte jüdische Freundin Lili Wolff in ihrer Wohnung. Sie blieb auch bei Fliegeralarm mit ihr in der Wohnung, da ihre Freundin den Luftschutzkeller nicht aufsuchen konnte. Dorothea Neff wurde dafür 1980 als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet. Das Bezirksmuseum Wieden besitzt ihre Totenmaske, die, frisch restauriert, in der Ausstellung zu sehen ist.

 

Von den Arisierung sei nur die „Causa Wagner“ herausgegriffen. Paul Wagner, ein kleiner Juwelier in der Wiedner Hauptstraße 17, legte durch die Arisierung des Juwelierbetriebes von Israel Medlinger in der Kärntnerstraße 32 den Grundstein für die noch heute bestehende Juwelierdynastie. Die Untersuchung der Rückstellungen nach 1945 ist überaus schwierig, da der dafür zentrale Aktenbestand der Rückstellungskommission vernichtet wurde. Deshalb gibt es nur wenige repräsentative, aber durchaus erhellende Beispiele (Schikanderkino, Cafe Ostend, Seidenwarengeschäft Rechte Wienzeile 15, Johann Strauss Kino), von denen die Broschüre berichtet.

Rede zur Eröffnung der Ausstellung

„Ich bin also nun ein anderer“ – Die jüdische Bevölkerung der Wieden 1938 – 1945

von Museumsleiter Prif. Dr. Philipp Maurer

 

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

 

herzlich willkommen zu unserer Ausstellung „Ich bin also nun ein anderer“ – Die jüdische Bevölkerung der Wieden 1938 – 1945. Ich danke der Bezirksvorstehung Wieden, dass das Bezirksmuseum diese Ausstellung, die auf Initiative der Bezirksvorstehung und durch ihre finanzielle Förderung entstanden ist, nun diese Ausstellung im Rahmen des Bedenkens 80 Jahre danach zeigen darf. Diese Ausstellung eröffnet die Gedenkveranstaltungen des 4. und 5. Bezirkes, die ihren Höhepunkt am Donnerstag, dem 8. November um 17.30 Uhr in einer gemeinsamen Feier am Ort der ehemaligen Synagoge in der Siebenbrunnengasse 1a in Margareten finden.

 

Ich danke dem wissenschaftlichen Team rund um Dr. Florian Wenninger, Mag.a Jutta Fuchshuber und Mag. Matthias Kamleitner, die das Schicksal der Wiedener Jüdinnen und Juden erforscht haben, die diese Ausstellung gestaltet haben und die vor allem eine umfangreiche Broschüre publiziert haben. Diese Broschüre wurde von der Bezirksvorstehung Wieden gratis verteilt und ist auch heute im Bezirksmuseum erhältlich. Nach Erscheinen dieser Broschüre haben die ForscherInnen auch eine Website www.juedischewieden.ateingerichtet, in der sie weitere Forschungs- und Diskussionsergebnisse präsentieren.

 

Geschichte, meine Damen und Herren, soll, wie der große Historiker Leopold von Ranke formulierte, darstellen, wie es wirklich gewesen ist. Das ist aber nicht so einfach, denn, wie Jorge Luis Borges in seiner Erzählung „Das unerbittliche Gedächtnis“ über einen Menschen, der sich alles, buchstäblich alles gemerkt hat, zeigt, dauert das Nacherzählen der Ereignisse so lang wie die Ereignisse selbst. Damit würde eine historische Erzählung unmöglich. Die Darstellung, Präsentation, Diskussion von Geschichte muss daher immer abstrahieren: aus Zeit, aus Raum, aus den Gedanken und Zielen der Menschen eine Auswahl treffen und das Wesentliche zeigen. Was aber für wesentlich gehalten wird, hängt von der politischen, gesellschaftlichen, sozialen Haltung des Auswählenden und von den jeweils gültigen Werten ab. Jede Zeit schreibt daher ihre Geschichte neu, jede Darstellung ist zeitgemäß bedingt, ist Parteinahme und politische Äußerung.

 

Daraus ergibt sich, dass sich auch die Orte, an denen Geschichte gezeigt, interpretiert, anschaulich gemacht wird, immer verändern, verändern müssen. So auch dieses Bezirksmuseum. Vieles wird sich ändern. Besuchen Sie uns daher immer wieder!

 

Jede Darstellung der Geschichte, sagte ich, ist auch Parteinahme. Unsere Wieden hatte bei der letzten Wahl vor dem Ständestaat, 1932, den höchsten Anteil an NSDAP-Wählern wienweit. Obwohl – besser: weil! – die Wieden den geringsten Anteil an jüdischen bzw. sich zum Judentum bekennenden BürgerInnen hatte! Auf der Wieden gab es „Tausendprozentige“ Nazis wie den Gauleiter Alfred Frauenfeld, auf der Wieden gab es die „Zentralstelle für jüdischer Auswanderung“ in einem ehemaligen Palais Rothschild, deren Leiter Adolf Eichmann in der Favoritenstraße wohnte. Aber die Wieden hatte auch einen sehr hohen Anteil an engagierten, mutigen Antifaschisten: Von den 107 in Yad Vashem geehrten „Gerechten unter den Völkern“ aus Österreich stammen drei aus der Wieden.

Einer von ihnen, der Bankierssohn und Kommunist Karl Motesicky wird in der Ausstellung der Forschungsgruppe gewürdigt. Zwei weitere, Irene Harand und Dorothea Neff, wurden vom Bezirksmuseum ergänzt. Damit legt das Bezirksmuseum ganz bewusst einen ergänzenden Schwerpunkt auf die Darstellung und Würdigung von Menschen, die Widerstand leisteten, die sich gegen unmenschliche Politik stemmten und versuchten, Leben zu retten.

 

Irene Harand, überzeugte Katholikin du bis zuletzt Anhängerin des Ständestaates, publizierte das Buch „Sein Kampf – Meine Antwort an Hitler“, in der sie den Nationalsozialismus und vor allem dessen Antisemitismus scharf kritisierte. Ihr Credo: „Antisemitismus schändet das Christentum“. Zur Zeit des Einmarsches Hitler-Deutschlands in Österreich war sie gerade auf Vortragsreise in England – sie blieb dort und wirkte in Großbritannien und den USA in antifaschistischen Organisationen mit. Der Platz vor der Paulanerkirche wurde nach Irene Harand benannt, und der Schweizer Bildhauer Stephan Hilge, Schüler von Alfred Hrdlicka und Gerda Fassel, schuf ein beeindruckendes Denkmal für sie.

 

Die große Schauspielerin Dorothea Neff, die 1934 wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ aus dem Bayerischen Nationaltheater entlassen wurde, verbarg in ihrer Wiener Wohnung in der Annagasse vier Jahre lang die jüdischen Designerin Lili Wolff vor den Nazis. Nach dem Krieg lebte Dorothea Neff, die auch im Scala-Theater gespielt und als Mutter Courage im Volkstheater Theatergeschichte geschrieben hatte, in der Taubstummengasse. Das Bezirksmuseum besitzt Dorothea Neffs Totenmaske, die von Prof. Felix Czeipek aus der Verlassenschaft der Künstlerin gerettet worden war. Nach der Restaurierung durch Mag. Sabine Reinisch ist die Maske nun in der Dauerausstellung des Bezirksmuseums zu sehen.

 

Und nicht zuletzt erinnert das Bezirksmuseum an Bruno Kreisky, der in der Zwischenkriegszeit in der Rainergasse wohnte und auf der Wiedner Hauptstraße in der Sozialistischen Arbeiterjugend seine politische Laufbahn begann, ehe er nach Schweden emigrieren musste.

 

Wir bemühen uns, das Bezirksmuseum zu einem lebendigen Ort der Auseinandersetzung mit Geschichte zu machen. Auch ein Museum kann beweglich, veränderlich sein. Und wir wollen Information und Diskussion bieten mit unseren Wiedener Vorträgen, in denen es um die Geschichte des Bezirkes und um historische Themen von allgemeinem Interesse geht.

 

Ich freue mich über Ihr Interesse, ich danke für Ihren Besuch und hoffe auf viele anregende Gespräche hier im Bezirksmuseum Wieden.

Bezirksmuseum
4. Wieden

1040, Klagbaumgasse 4
Museumsleiter
Prof. Dr. Philipp Maurer

Tel:    01/581 24 72
        

Mail: bm1040@bezirksmuseum.at
        bmwieden@aon.at
Erreichbarkeit
Linie 1, Linie 62 - Johann-Strauß-Gasse
WLB (Badner Bahn) - Johann-Strauß-Gasse
13A - Johann-Strauß-Gasse
Öffnungszeiten
Dienstag 10.00 bis 12.00 Uhr
Donnerstag 18.00 bis 20.00 Uhr

Geschlossen
Schulferien und Feiertage

Freier Eintritt
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